Die Geschichte der „Wilhelmshöhe“

Zeitzeugnisse „100 Jahre Wilhelmshöhe“

Fotos aus alten Tagen Gegenstände aus alten Tagen
Rankgitter mit Speisenkarte Altes Tanzalbum
Porzellanteller Nostalgische Puppe

1 1910/11

ließ Georg Hafner – er war damals 34 Jahre alt – „vor den Toren der Stadt“ die „Wilhelmshöhe“ von Architekt Hohlbauch erbauen. Bereits 1892 war dort nach dem Vorbild der berühmten Ulmer „Frühlingsau“ ein Gartensaal mit 120 qm erbaut worden. Rund 1000 Menschen hatten darin und im umgebenden Biergarten Platz. Geöffnet war von Mai bis Oktober.

Der Erfolg beflügelte Georg Hafner: mit der „Wilhelmshöhe“ gab er seinen bisherigen Wirkungsort, den „Grünen Baum“ in der Stadtmitte auf und zog mit seiner Familie (Ehefrau Hermine, geb. Lamparter, und den Söhnen Karl, geb. 1906, und Willy, geb. 1908), in die Aussichtslage.

Fast alle Originalrechnungen sind noch vorhanden: mit aufwändigen Briefköpfen gestaltet und sämtlich in Handschrift ausgefüllt.

1911 – das war 3 Jahre vor Ausbruch des 1. Weltkriegs, dessen Folgen mit der Inflation 1923 auch für die „Wilhelmshöhe“ spürbar wurden: Weinhefe wurde mit 18 023 Mark in Rechnung gestellt.

 

2 bis 1930

Die „Wilhelmshöhe“ hatte regen Zulauf. Davon zeugen nicht zuletzt die Weinrechnungen.

Ablesbar ist neben der Menge auch die Inflation: 1913 wurden 356 ltr. Ruländermost aus Bozen geliefert für 176.22 Mark, 1921 kosteten „2 Eimer Weißwein“ aus Flein 7 440 Mark und 1923 stellte Weinhändler Lang aus Geislingen für 274 ltr. Wein 952 680 Mark in Rechnung.

Der Wein wurde in Fässern im Keller gelagert. Die Auflagen waren hoch: es musste ein „Kellerbuch“, ein „Fass-Tagebuch“ und ein „Kontrollbuch für Zuckerung“ geführt werden (siehe Dokumente links). Im Falle der Nichteinhaltung war ein Strafbefehl fällig (unten).

Die Söhne wurden außerhalb des Hauses geschult. Karl Hafner lernte Kaufmann bei der Wäsche-Fabrik Becker, Willy Hafner lernte bei Fehrenbach und arbeitete bei Carl Abt in Ulm.

 

3 30er Jahre

1933 starb Georg Hafner mit 57 Jahren. Die Umsatzbücher zeigen: das Geschäft, betrieben von Hermine Hafner und ihren Söhnen, musste weitergehen.

1934 wurden im 2. Stock vier Fremdenzimmer eingerichtet. Der Stadtprospekt rühmt die „verkehrsgünstige Lage an der Württ. Hauptbahn“. Im Fremdenbuch sind in den folgenden Jahren aber nur wenige Einträge. Unter anderem ein Kaufmann aus Stuttgart, ein Lehrer aus Hamburg, eine Inspektorin aus München oder ein Regierungsrat aus Berlin.

Ein Heft mit eingeklebten Anzeigen zeigt viel buntes kulturelles Treiben auf der „Wilhelmshöhe“: Gesellschaftsabende, Tanz, Kappenabende, Garten-Konzerte, Italienische Nacht mit Fritz Russ, Rheinische Abende, Winzerfeste. – Es wurden ein eigenes Liederbuch und ein Hausprospekt gedruckt („Vollpension 4 Mark“). 1937 wurde der Saal auf 250 qm erweitert. Im September 1939 – Zeitzeichen – wird er von der Regierungsstelle Berlin als Lagerraum für Getreide beschlagnahmt.

 

4 Kriegsjahre und danach

Das Kassenbuch zeigt: bis 1944 scheint der Gaststättenbetrieb weiterzulaufen. Karl Hafner schreibt regelmäßig die bisherigen Weinhändler um Lieferungen an – zunehmend vergebens. Er muss als Soldat nach Frankreich an die Front und stirbt 1944 mit 38 Jahren „den Heldentod“. Willy Hafner – er hatte 1942 die Obstgroßhändlers-Tochter Anny Ziegler geheiratet – kommt in französische Gefangenschaft.

Schlimmes hält auch die Nachkriegszeit bereit: die „Wilhelmshöhe“ wird beschlagnahmt. Am 9. April 1945 ziehen 40 Soldaten ein. Am 12.10.45 mußte Hermine Hafner mittags um 12 Uhr das Haus verlassen. Sie notiert: „Am 13.10. war schon alles Glas, Geschirr und Porzellan weggekommen. Danach musste ich vom Gartenzaun mit ansehen, wie sämtliches Mobiliar mit Lastwagen weggefahren wurde.“

1946 wurden Esten einquartiert. Der Parkettboden im Nebenzimmer zeigt noch immer ihre Spuren vom Holzspalten. 1950 durfte die Familie erst wieder ins Haus. Über das Leid der „Ausquartierten“ berichtete die NWZ (siehe Zeitungshalter).

 

5 Die 50er Jahre

brachten endlich die Rückkehr ins eigene Haus. Willy Hafner durfte mit seiner Familie im September 1950 wieder einziehen.

Die „Wilhelmshöhe“ war in einem desolaten Zustand: einer der Ersten, die kommen mussten, war der Kammerjäger. Das ganze Haus war ausgeräumt und verwahrlost. Auf dem Parkett fanden sich Spuren vom Holzspalten. In den Fenstern waren keine Scheiben mehr. Das Inventar war in der ganzen Stadt verteilt und wurde, so möglich, mit Lastwagen wieder zurückgeholt.

Aber bald spiegelte sich das neue Lebensgefühl auch im Leben auf der „Wilhelmshöhe“: Tanzvergnügen folgte auf Tanzvergnügen. Die Menschen genossen es von der Fasnet bis zu Silvester, wieder feiern zu können. Anny Hafner bewältigte die Küche für bis zu 300 Gäste mit nur zwei Hilfskräften.

Dabei waren auch die Fremdenzimmer stetig nachgefragt. 1951 wurden 4 Garagen gebaut. 1954 schaffte sich das Wirtspaar für 1 198 DM eine Rarität: einen Fernseher an, 1957 für 3 833.80 DM einen neuen Lloyd 600.

 

6 60er Jahre

1960 gab es bereits fertige Pläne, den Saal der „Wilhelmshöhe“ wesentlich zu erweitern und zu modernisieren. Diese Pläne wurden aber wieder aufgegeben.

1961 feierte man das 50jährige Bestehen des Hauses. Zu den Betriebs- und Vereinsfeiern waren inzwischen viele Tanzstunden samt Abschlussbällen der Tanzschulen Walliser/ Klotzbücher gekommen.

1963 wurde mit zwei vollautomatischen Kegelbahnen eine neue Ära eingeleitet, die letztlich bis zum Ende des Jahrhunderts reichen sollte. Die Bahnen waren meist 7 Tage in der Woche in Betrieb. Die arbeitsaufwändigen Feste im Saal reduzierten sich derweil – 1965 wurde zum letzten Silvester-Ball geladen. 1966 wurde der Saal zur Vermietung ausgeschrieben und ab 1967 zunächst als Ausstellungs- und Lagerraum genutzt.

Die Wirtschaft wurde mit neuen Möbeln und neuer Küche ausgestattet. In den Jahren 1967-69 übernahm Helmut Hafner, gelernter Koch und Kellner, mit 25 Jahren dort die Regie.

 

7 1970 bis 2000

Bis 1972 waren Pächter auf der Wirtschaft, im Sommer 1972 gab es mit Inge Hafner und Manfred Bomm (damals „hauptberuflich“ Volontäre bei der NWZ) ein kurzes Zwischenspiel als „Pub“, bevor 1973 ganz anderes Leben ins Haus einzog: eine Eltern-Kind-Gruppe, die bis zum Ende der 70er Jahre ein alternatives (und aus heutiger Sicht noch top-modernes) Konzept verfolgte: Eltern sollten aktiv am Erziehungskonzept mitwirken und einen partnerschaftlichen Erziehungsstil pflegen. In den Nebenzimmern verkaufte die Firma Dudek/Binder parallel dazu pädagogisch wertvolles Spielzeug.

Im Saal machte Albert Küst mit dem ersten Fitness-Studio in den Jahren 1978-84 von sich reden. Der gekürte Kraftsportler hatte das Konzept schon früh aus Amerika mitgebracht.

Stabile Säule war aber immer der Betrieb in der Kegelbahn. Bis ins hohe Alter gab sie Willy Hafner den Tagesrhythmus vor.

Betriebstage im Monat

März 1974 (W. Hafner 66 Jahre): 31 Tage (!)

Nov. 1984 (W. Hafner 76 Jahre): 21 Tage

Feb. 1995 (W. Hafner 87 Jahre): 17 Tage

Jan. 1997 (W. Hafner 89 Jahre): 7 Tage

Juli 1998 (W. Hafner 90 Jahre): 6 Tage

Im August 98 letzter Eintrag. Somit ging er mit 90 Jahren und 3 Monaten endgültig in den Ruhestand, bevor er im Jahr 2000 mit 92 Jahren verstarb. – Wahrscheinlich ist er für seine Tochter, Anhängerin der Hirnforschung für das Leben im Alter (“Use it or lose it” – nutze deine Fähigkeiten oder du wirst sie unwiederbringlich verlieren) – das beste Beispiel.

 

 

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